Der Fördermittelbescheid lag auf dem Tisch – 50.000 Euro frei Haus.
Tagelang hatte ich Zahlen in Excel hin- und hergeschoben. Damit die Europäische Union meine frisch gegründete Käserei fördert. Und nun: Endlich Geld für teure Maschinen, mein nächster Wachstumsschritt.
Was dachte ich? „Ich muss putzen.“
Weil sich mein einziger Mitarbeiter – wieder einmal – krankgemeldet hatte. Zum ersten Mal schoss mir der Gedanke durch den Kopf: “Will ich das wirklich noch?” War das wirklich mein heiß ersehntes Ziel nach dem großen Schritt raus aus dem festen Job?
Dabei lief es objektiv gesehen großartig.
Fachgeschäfte wie „Maitre Philippe“, der Treff aller frankophilen Käseliebhaber, und auch Goldhahn & Sampson oder der hippe Laden im Prenzlauer Berg „Vom Einfachen das Gute“ zählten zu meinen Kunden.

Der Gourmet-Laden Lüske im Berliner Süden hatte sogar bestellt, ohne nach den Einkaufspreisen zu fragen – nur weil eine Kundin ihnen gesagt hatte: „Diesen Käse müssen Sie unbedingt führen.“
Eine Food-Journalistin habe ich zu begeisterten Zeilen über meinen Frischkäse hingerissen:
„Er leuchtet in einem zarten Gelbton, der die Morgensonne mitten auf den Tisch holt, ist angenehm fest, und er balanciert belebende, frische Säure mit milchiger Süße sowie genau der richtigen Menge Salz.“
Was für ein Abenteuer!

Milch, Mikroben und Molke waren meine neue Heimat.
Aber ich hatte etwas Wesentliches übersehen: Dass mir ohne Unterstützung die Luft zum Gestalten und Entwickeln fehlt.
Ich habe produziert, verkauft – und nebenbei den Boden geschrubbt.
Sollte ich da wirklich noch mehr von meinem sauer ersparten Geld reinstecken? Ohne zu wissen, ob ich jemals eine Person finde, die das mit mir gemeinsam trägt?
Frustriert war ich aus meinem alten Job geflüchtet. Jetzt wollte ich so schnell wie möglich meine Traumkäserei aus dem Boden stampfen. Und dafür musste ich nicht nur das Branding klar haben, sondern auch die Produktion dringend hochfahren.

Eine grundlegende Herausforderung hatte ich jedoch nicht auf dem Schirm – den Fachkräftemangel.
Das fiel mir auf die Füße.
Einen Betrieb zu gründen erfordert mehr als Leidenschaft und das Startkapital für die GmbH. Nämlich eine richtig gründliche Marktanalyse und ein tiefes Verständnis, was du wirklich willst, brauchst und kannst.
Und das benötigt manchmal mehr Zeit als gedacht. Ich war zu schnell vorgeprescht. Ich konnte gar nicht so viel produzieren, wie meine Kunden bestellen wollten.
Heute weiß ich: Mir fehlte die Berufserfahrung in der für mich komplett neuen Branche. Ich hatte eine Idee, viel Motivation und den festen Willen, etwas Eigenes aufzubauen.
Was ich nicht hatte, war ein gelebter Alltag. Erst da zeigt sich, wie es dir im Job geht, wenn die Routine einkehrt. Deshalb möchte ich dir heute das mitgeben:
Lass dich nicht zum schnellen Ausstieg treiben.
Im Grunde ist es egal, ob du jetzt wahnsinnig frustriert bist und deswegen unbedingt aus deinem Job rauswillst. Oder ob du für eine neue Idee brennst, die dich nach vorne treibt.
Zieh im Job erst die Reißleine, wenn du ein gutes Fundament für das Neue gebaut hast. Was dieses Fundament konkret ausmacht – gerade in der zweiten Karrierehälfte – habe ich im Artikel zur beruflichen Neuorientierung mit 50 plus systematisch aufgeschlüsselt.

Überstürze nichts, auch wenn du nur noch weg willst
Glaubst du wie ich zu 100 Prozent an deine Zukunftsvision und willst schnell dahin? Oder hast du noch gar keine und würdest am liebsten schreiend wegrennen? Job kündigen und neu orientieren – das ist nicht die richtige Reihenfolge.
Wo auch immer du jetzt stehst: Mach nicht den Fehler, den zweiten Schritt vor dem ersten zu gehen. Aber steck auch nicht den Kopf in den Sand.
Was ich jetzt klarer sehe: Mein größter Fehler war die schnelle Gründung im Alleingang. Meine Nachfolger in der Käserei sind ein Paar. Zu zweit und mit zusätzlich zwei Angestellten wuppen sie heute das große Arbeitspensum.
Ich war damals voller Begeisterung und dachte, das würde reichen. Rückblickend würde ich mir mehr Zeit geben. Nicht, um alles noch genauer im Voraus zu planen, das funktioniert sowieso nicht. Aber ich würde den Alltag in meinem Wunsch-Job besser kennenlernen, bevor ich alles auf eine Karte setze.
Dass viele Menschen wie ich zu dieser Zeit innerlich längst auf Abstand zu ihrem Job gegangen sind und trotzdem nicht gehen – das überrascht mich bis heute nicht. Nicht nur wegen der hohen Zahlen in den Statistiken von Instituten wie Gallup. Vor allem wegen der Gespräche, die ich führe. Mit Frauen, die viel leisten und Verantwortung tragen – und trotzdem merken: So wie es gerade läuft, stimmt es für mich nicht mehr. Und nun?
Vielleicht stehst du auch genau an diesem Punkt. Zwischen Frust und Aufbruch. Zwischen „Ich will hier weg“ und „Ich weiß noch nicht, wohin“. Dann helfen dir die folgenden Fragen.

Bevor du überstürzt kündigst, schreib dir auf, worauf du keine Lust mehr hast. Ist es die Branche, dein Chef, das Team, der Arbeitsweg, das Gehalt, der Sinn? Oft liegt der Frust nicht in der Arbeit an sich, sondern in den Rahmenbedingungen. Und viele davon lassen sich verändern – auch ohne radikalen Neuanfang.
Vielleicht sind es aber auch grundsätzliche Dinge: Deine Werte passen nicht mehr zu denen des Unternehmens oder das Unternehmen wurde umstrukturiert, so dass plötzlich nichts mehr ist, wie es mal war. Dann solltest du wirklich schnell Alternativen erkunden.
Der erste Schritt könnte sein: Definiere für dich, was Erfolg und Zufriedenheit dir genau bedeuten. Ich habe dazu auf LinkedIn einen kleinen Selbsttest veröffentlicht. Du findest dort 11 Kriterien, an denen du deinen Job überprüfen kannst.

Wie könnte dein idealer Arbeitsalltag aussehen?
Wie würdest du arbeiten, wenn du alles frei wählen könntest? Mach mal ein Gedankenexperiment – die gute Fee mit dem Zauberstab hält dir den Job frei und zahlt dir ein Gehalt.
Wo würdest du arbeiten: Drinnen, draußen, auf dem Land, in der Stadt? Wann würdest du arbeiten: Morgens um 6 Uhr oder bist du eine Nachteule?
Je besser du weißt, was du brauchst und was du willst, desto gezielter kannst du entscheiden.
Magst du es projekt- oder saisonweise? Oder 9to5? Mit wem würdest du dich wohlfühlen: Hippe Leute, Banker oder Landwirte? Die Bandbreite der Möglichkeiten ist groß.
Wieviel Verantwortung willst du übernehmen, wie hierarchisch darf es sein? Willst du richtig ackern oder lieber nur Teilzeit?
Passt ein Job als Angestellte, soll es eher ein Projekt sein, ein Nebenerwerb oder gar ein eigenes Business? Das alles kannst du selbst bestimmen. Wir erarbeiten das übrigens systematisch in meinem Mentoring.

Vor dem Loslaufen kommt der Reality-Check
Wenn du schon eine Gründungsidee oder deinen neuen Lieblingsjob vor Augen hast – setz dich einen halben Tag hin und schreib alles Wichtige auf. Welche Aufgaben kommen auf dich zu und welche davon sind so unsexy wie für mich Putzen in der Käserei?
Brauchst du Geld, neue Kontakte, Mitarbeiter, eine Weiterbildung oder musst du umziehen dafür? Was kann schiefgehen – und was wäre dein Plan B?
Das ist kein Spaßkiller. Es ist dein Sicherheitsnetz.
Denn wer die Risiken kennt, kann sie besser managen. Nicht umsonst ist die gute alte SWOT-Analyse Bestandteil eines jeden Businessplans. Aber Papier ist bekanntlich geduldig.
Ich dachte, ich könne mich in der Käserei nur um das kümmern, was mir Spaß macht – und andere machen die ungeliebten Jobs für mich. Das war meine alte Angestelltendenke. Vom Alltag in einer Käserei wusste ich nicht genug. Also gehst du besser noch einen Schritt weiter:
Challenge alles, was du dir aufgeschrieben hast.
Such dir dafür jemanden, der wirklich was von dem Bereich oder der Branche versteht, wo du hin willst. Worauf es bei einer Existenzgründung mit 50 realistisch ankommt – finanziell und mental – habe ich in meinem Artikel zum Thema Selbstständig machen mit 50 ausführlich zusammengefasst.
Und wenn du als Angestellte von ganz neuen Aufgaben träumst? Dann durchforste dein Netzwerk. Wen kenne ich aus diesem Bereich oder wer kann mich an eine passende Person weiterempfehlen?
Denn Gespräche, in denen du Erfahrungen aus erster Hand bekommst, sind Gold wert und schützen gegen die rosarote Brille.
So ein Interview ist übrigens eins der kleinsten “Tests”, die ich im Mentoring mit meinen Kundinnen auf dem Weg in ihre neue berufliche Welt erarbeite.
Ich steh definitiv auf Aufbruch – mit Strategie und Weitblick.

Erst Klarheit, dann losgehen
Vor den ersten Schritten braucht es erstmal Klarheit. Es geht anfangs noch nicht darum, eine perfekte Lösung zu finden, sondern du solltest erstmal ehrlich hinschauen, was dir gerade wirklich fehlt.
Manche Frauen merken dabei, dass sie ihren Job gar nicht verlassen müssen, wenn sie entscheidende Dinge ändern.
Andere stellen fest, dass ein Abschied sinnvoll ist. Das ist kein Drama. Und nichts, was man überstürzen muss.
Du musst heute nicht wissen, wo du in fünf Jahren stehst. Aber es hilft, eine Richtung zu spüren – und sich Zeit zu geben, herauszufinden, wie sie genau aussehen kann.
Viele glauben, sie müssten sofort eine endgültige Entscheidung treffen. Dabei ist berufliche Veränderung selten ein Sprung.
Sondern ein Prozess, den man bewusst gestalten kann. Und genau dafür braucht es nicht noch mehr Druck – sondern einen klaren Blick darauf, wo du gerade stehst.
Wenn du deine berufliche Neuorientierung nicht aus dem Frust heraus entscheiden willst, biete ich dir gern ein unverbindliches Erstgespräch an. Wir klären, wo du stehst, was dich gerade bewegt – und ob eine Zusammenarbeit für dich passen könnte. Wenn du magst, findest du hier meinen Kalender und kannst dir in Ruhe einen passenden Termin aussuchen.
Finde in 45 Minuten raus, was du für den Neustart im Beruf längst mitbringst!


